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Der Harnisch Tirols.
Am 23. Mai 1915 erklärte das bis vor kurzem mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reiche verbündet gewesene Königreich Italien den ehemaligen Bundesgenossen den Krieg. Major Pfersmann von Eichthal urteilt im Rückblick:
„Der Harnisch, den Tirol sich mit so großen Opfern im Laufe von neun Sorgenmonaten aus eigener Kraft geschmiedet, bestand seine Feuerprobe in den folgenden Wochen glänzend. Während das Deutsche Alpenkorps und die übrigen Verstärkungen noch aus der Ferne heranrollten, hielten die Tiroler und Vorarlberger Standschützen in den vom Stilfserjoch bis an die Kärntner Grenze reichenden Fels- und Schneegräben treue Wacht. Wo die ersten Alpinipatrouillen in den Tagen nach dem 23. Mai über die Grenze vorfühlten, stießen sie auf hechtgraue Gestalten, pfiff ihnen todsicheres Tirolerblei entgegen. Wo es – ausnahmsweise einmal – zum Handgemenge kam, wehrten sich die Großväter samt den Enkeln wie die Rasenden… aus war es mit dem „Spaziergang nach Wien“, den man dem königlichen Heere dreiviertel Jahre lang weisgemacht hatte, aus mit dem „Einmarsch“ in das heißbegehrte Trentino. Fast zwei ganze königliche Armeen wurden nunmehr langsam, vorsichtig, systematisch, rings um Tirol bereitgestellt und nicht früher losgelassen, bis das letzte Geschütz und der letzte Mann zur Stelle waren. Als es aber dann endlich so weit gediehen war, war es zu spät. Zum Angriff übergehend, stießen die königlichen Truppen überall bereits auf deutsche Helme und sonstige frisch herangefahrene k. u. k. Truppen und bissen damit auf Granit.“ Dieser Standschützenausmarsch von 1915 war das größte Blutopfer, das ein Volk jemals seinem Herrscher gebracht hat. In der ganzen Weltgeschichte ist kein Fall bekannt, daß ein Volk sich so zum Kampf gestellt hat bis zum Weißbluten, bis zum letzten, allerletzten Mann!
Unvergeßlich wird jedem der Eindruck sein, den in den folgenden Wochen die verödeten Tiroler Dörfer machten. Generalleutnant Krafft von Dellmensingen äußerte damals, gelegentlich einer Frontfahrt einen Mitteltiroler Ort passierend, zum Verfasser: „Ich sehe im ganzen Dorfe keinen einzigen Mann. Nur Weiber, alte Greise und kleine Kinder. Wo sind denn eigentlich alle Tiroler?“
„Ihre Blüte liegt in Ostgalizien begraben. Was davon noch lebt ist eben hinter den Russen her. Und die ganz Jungen und die ganz Alten stehen dort, wo wir eben hinfahren, den Welschen gegenüber.“
Generalleutnant von Krafft schwieg und wir fuhren weiter, zwei Stunden lang durch viele Tiroler Orte. Plötzlich sagte er, der sonst so herrische deutsche General mit weicher Stimme, indem er an den Helm griff: „Ich neige mich vor dem Opfermut des Tiroler Volkes. Etwas Größeres gibt es nicht auf Erden!““
Oberstleutnant Rudolf Pfersmann von Echental, Vom stillen Heldentum eines Volkes, in: Generalmajor Hugo Kerchnawe: Im Feld unbesiegt, 3. Bd., München, 1923, S. 184 f.
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