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Ermordete Tiroler.
Auch Morde ereigneten sich. Mancher blieb unaufgeklärt, so jener am Bozner Boden, wo sich die Behörde bemühte, alle Spuren zu verwischen, aber beim Volke nur den Verdacht verstärkte, daß es sich um eine nationale Tat handelte.
In einzelnen Fällen konnten die Tatsachen nicht verheimlicht werden. Miliz und Finanzwache feuerten ihre Gewehre gegen die Deutschen ohne Bedenken ab. Die Finanzsoldaten fanden dazu wiederholt Gelegenheit. Hier soll nur von jenen Fällen die Rede sein, welche mit Amtsausübung und Notwehr der Soldaten nichts zu tun haben.
Im Dezember 1927 wurde Josef Gutgsell aus Stilfs mit seinem Bruder Daniel von den Finanzern aufgegriffen, als sie von der Schweiz mit Ware nach Hause zurückkamen. Was mögen sie bei sich gehabt haben? Etwas Kaffee und etwas Zucker für die Familie, vielleicht auch noch einige Zigaretten für die Kameraden. Als die Rucksäcke durchsucht waren, befahlen ihnen die Finanzsoldaten, die Ware aufzunehmen und in die Kaserne zu bringen. Josef Gutgsell lehnte das ab. Er wurde daraufhin auf vier Schritte Entfernung durch einen Schuß in den Unterleib getötet. Die Finanzer behaupteten, er sei geflohen und deshalb angeschossen worden, aber das war eine Lüge, denn der Schuß hatte den Ermordeten von vorne getroffen und der Bruder konnte bestätigen, daß auch nicht der geringste Anlaß zur Tötung vorlag. Der Täter blieb straflos.
In Sand in Taufers maßten sich die Finanzer eines Abends das Recht an, in einem Gasthause „Polizeistunde“ durchzuführen; dabei verhafteten sie willkürlich einen Mann namens Vinzenz Fohrer. Er bat sie flehentlich, ihn doch nicht zu fesseln, wurde aber doch in Eisen geschlossen und weggeschleppt. Nach wenigen Minuten tönten mehrere Schüsse durch die Nacht, und die Finanzer liefen eilends ohne Häftling in die Kaserne. Am nächsten Morgen wurde Fohrer in einer Blutlache tot aufgefunden. Konnten die Behörden in diesen Fällen noch Ausflüchte finden, so gab es keine Beschönigung für den ebenfalls im Dezember 1927 von den Finanzsoldaten in Passeier am Bergknappen Karl Platter verübten scheußlichen Mord. Platter feierte am 4. Dezember im Gasthaus zu Rabenstein mit anderen Knappen den Barbaratag. Die Gesellschaft befand sich in mehr als gehobener Stimmung, als Finanzsoldaten das Wirtshaus betraten. Zwischen den beiden Gruppen kam es zu Neckereien, in deren Verlauf Karl Platter sich unehrerbietig über das an der Wand hängende Königsbild aussprach. Die Finanzer schritten nun zu seiner Verhaftung, aber Platter entsprang durch das Fenster und nächtigte in einem fremden Hause. Die Finanzsoldaten erfuhren das Versteck und lauerten dem Knappen am nächsten Morgen auf. Als Platter ahnungslos aus dem Hause trat, fielen die Soldaten mit geschwungenen Gewehrkolben über ihn her und schlugen ihn zu Boden. Dann rissen sie ihn auf und wollten ihn mit sich in die Kaserne marschieren lassen. Doch Platter war bewußtlos und so mußten ihn die Soldaten unter den Armen fassen und weiterschleppen. Als ihnen dies zu mühsam wurde, gingen sie in ein Bauernhaus und liehen einen Strick. Damit banden sie Platter die Füße zusammen und schleiften ihn so dem winterlichen Wege einen Kilometer weit durchs Tal hinaus, bis sie zu einem Wagen kamen. Auf diesem wurde Karl Platter nach Meran ins Krankenhaus gebracht, wo er am nächsten Tage starb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Eine Witwe und zwei Waislein schrieen vergeblich um Sühne für diese Scheußlichkeit. Den Mördern wurde kein Haar gekrümmt. Deutsches Leben war in Südtirol billig geworden.
Eduard Reut-Nicolussi, Tirol unterm Beil, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1928, S. 183 f.
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