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Andreas Hofer und das Jahr 1809.
Seine äußere Gestalt gewann ihm das Herz der Menschen, und eine gewisse Treuherzigkeit öffnete ihm die Gedanken selbst solcher, die sich auf ihre Gewandtheit und Verschlossenheit viel zu gute taten. Er war ein schöner Mann, nur wenig über die gewöhnliche mittlere Länge hinaus, im besten Ebenmaße zu seinen Formen, die breiter ausgingen, als es sonst in Passeier der Fall ist, mit mächtigen Schultern auf festen Knochen. Er hatte ein volles rundes Gesicht, breite Nase, lebhafte braune Augen, schwärzliche Haare, und trug in Folge einer Wette seit dem Eintritte der baierischen Herrschaft im Jahre 1806 einen langen schwarzen Bart, der ihm viel Ehrwürdigkeit verlieh. Sein Gang war gemessen und würdevoll, seine Stimme weich und hell, sein Auge voll Friede und Heiterkeit, sein ganzes äußeres Wesen harmonisch und einnehmend. Er kleidete sich nach der Tracht seines Heimattales. Eine grüne Jacke, ein roter Brust-Fleck, ein schwarzer Ledergurt mit den Anfangsbuchstaben seines Namens, schaftlederne schwarze Hosen, ein schwarzer Seidenflor um den Hemdkragen, ein schwarzer breitkrempiger Hut auf der Seite aufgestülpt, mit dem Bildnisse der Mutter Gottes, Blumen und Wildfedern geziert, blaue Strümpfe, und weit ausgeschnittene Schuhe waren im späten Alter seine Kleidungsstücke.
Trotz dem tüchtigen Korne in seiner männlichen Gestalt, hatte sein Charakter doch eine ungemeine, den Passeirern eigene Weichheit und Zartheit, die sich in den kleinsten Zügen seines Tuns und Lassens offenbarte. Er ritt gewöhnlich Tal aus und ein. Als er einst mit mehreren Genossen von Meran nach Hause ritt, dauerte ihn der Knabe, welchen er aus bloßer Vorliebe für die Jugend hatte mitlaufen lassen. Er hob ihn zu sich auf den Sattel, und betete mit den Andern den Rosenkranz. Aber zu dem Knaben sagte er: „Mitbeten darfst du nicht, aber schlafen auch nicht, sonst fällst du mir vom Pferde.“ Die Studenten in Meran kannten ihn alle gut, und hatten ihre herzliche Freude am schönen leutseligen Sandwirt. Sie sammelten sich um ihn, und fühlten sich wohl in seiner Nähe. Auf ihren Reisen nach Innsbruck ließen sie sein Wirtshaus nie unbesucht, wo arme auch umsonst Erquickung fanden. Er wurde ebenfalls zu ihnen hingezogen, und warf fahrenden Studenten auf seinen Ritten durchs Tal oft einen Thaler zur Wegzehrung zu. Wie die Passeirer überhaupt, legte er kein Gewicht auf leibliche Bequemlichkeit in Lager und Hausrat, selbst wo er es besser haben konnte. Als er einst auf einer Marktreise in ein vollgefülltes Wirtshaus kam, wollte man ihm vor Anderen ein Bett geben, aber er schlug es aus mit den Worten: „Die Betten könnt’s für Andere brauchen, an mir ist nichts gelegen!“ und legte sich im Stalle auf das Stroh. In jüngeren Jahren machte er nicht ungern den Robler, besonders auf den Märkten zu Latsch, um seine Körperkraft zu zeigen, und seine gedrungene Leibesgestalt trug über die größten Bauern den Sieg davon. Er zeigte in solchen Fällen eine bemerkenswerte Bescheidenheit. Auf sich bezog er nichts, meinte aber, für Passeier müsse man’s wagen und aufnehmen. Der Besiegte musste mit ihm essen und trinken. Bei sehr geringer Bildung zeigte er doch überall Verstand und Urteil, eine Art Bauerninstinkt, wie er in Passeier und im Burggrafenamt von Tirol häufig zu Tage tritt, und im ersten Angriffe die Dinge richtiger auffasst, als der langüberlegende Grübler. Sein Mutterwitz ließ bei keiner Gelegenheit lange auf sich warten, und war eben so treffend als gutmütig. Er liebte in freien Stunden das Giltspiel mit gewöhnlichen Spielkarten, welches in seiner Heimat sehr in Schwunge ist, und spielte es meisterhaft. Da dasselbe überhaupt sehr geeignet ist, die angebornen Charakterzüge eines Menschen sehr ins Licht zu stellen, so traten auch bei ihm während desselben einerseits aufmerksame Maßhaltungen, andererseits eine gutartige Schlauheit entschieden zu Tage.
In kirchlichen Dingen hielt er sich gern nach St. Martin, obgleich er nach St. Leonhard eingepfarrt war. Seine Frömmigkeit wurzelte in einem gläubigen Gemüte, das alle Grübeleien ausschloß, und das Gefühl des allgegenwärtigen Gottes begleitete ihn überall. Es machte ihn froh, duldsam, mitleidig gegen alle Menschen. Kopfhängerei und Bekrittelung der Sitten Anderer verachtete er. Der Kirche als solcher anzuhängen war ihm Bedürfnis. Geistliche, die in ihrem Berufe tätig waren, standen bei ihm in hohen Ehren. Einmischung in weltliche Angelegenheiten fand er an ihnen tadelnswert, aber selbst sein Tadel war stets von seinem Hauche tiefer Ehrfurcht fürs Priestertum durchdrungen. Seine Stimmung zu den Verhältnissen einer außerordentlichen Zeit, die reich war an Erschütterungen aller Art, war durch seine religiösen Überzeugungen bedingt.
Beda Weber, Andreas Hofer und das Jahr 1809, mit besonderer Rücksicht auf Passeiers Teilnahme am Kampfe, Wagner, Innsbruck, 1852, S. 6 ff.
Beda Weber war mehrere Jahre Seelsorger in St. Martin in Passeier und verwertete mündliche Informationen noch lebender Augenzeugen.
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